Forschungs- und Entwicklungsrisiken
Für diese Risikokategorie ist die Eintrittswahrscheinlichkeit mit hoch (Vorjahr: hoch) und das potenzielle Schadenausmaß mit mittel (Vorjahr: mittel) bewertet.
Die größten Risiken aus dem RQP resultieren aus einer nicht bedarfs- und anforderungsgerechten Produktentwicklung insbesondere im Hinblick auf Software und die damit verbundene Architektur sowie die Elektromobilität.
Risiken aus Forschungs- und Entwicklungstätigkeit
Die Automobilindustrie durchläuft einen Transformationsprozess mit weitreichenden Änderungen. Unser künftiger Geschäftserfolg hängt davon ab, neue, attraktive und energieeffiziente Produkte zu entwickeln, insbesondere angesichts der Entwicklungen bei E-Mobilität, Software und Digitalisierung.
Die Automobilindustrie unterliegt bereits seit einiger Zeit und auch künftig einem grundlegenden Wandel, da die Kunden zunehmend Wert auf geringen Kraftstoffverbrauch und weniger Abgasemissionen sowie die Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen im Automobilbereich legen. Wirtschaftlicher Erfolg und Wettbewerbsfähigkeit hängen für uns davon ab, inwiefern es uns gelingt, unser Produkt- und Dienstleistungsportfolio zeitnah an die geänderten Kundenbedürfnisse anzupassen.
Aufgrund des intensiven Wettbewerbs in der Automobilbranche und der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen besteht das potenzielle Risiko, dass es uns nicht gelingt, Markttendenzen rechtzeitig zu erkennen, um neue Produkte und Dienstleistungen nachfragegerecht zu entwickeln und zu kommerzialisieren und vorhandene Produkte und Dienstleistungen schneller zu verbessern. Der Schwerpunkt von Forschung und Entwicklung liegt auf alternativer Antriebstechnik, beispielsweise Elektro- und Hybridsystemen sowie Range Extendern. Von zentraler Bedeutung sind zudem Software Defined Vehicles (SDV) und ihre digitalen Komponenten für die Architektur, darunter vernetzte Dienste, autonome Fahrfunktionen und KI-gestützte Anwendungen.
Als multinationales Unternehmen müssen wir in der Produktforschung und -entwicklung strenge gesetzliche Anforderungen in den Ländern erfüllen, in denen wir geschäftlich tätig sind. Zunehmend strengere Abgas- und Verbrauchsvorschriften – etwa C6 in China oder Euro-7 in Europa – stellen zusammen mit immer komplexeren Prüfverfahren und Testzyklen (zum Beispiel Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure, WLTP) und Homologationsvorschriften eine weitere operative Herausforderung dar. Diese Gesetze werden fortlaufend weiterentwickelt und in den jeweiligen Ländern immer detaillierter. Dies belastet unsere Abläufe und stellt ein Risiko für unsere Forschung und Entwicklung dar.
Forschung und Entwicklung für unsere komplexen Produkte, Software und Dienstleistungen ist mit erheblichen Risiken verbunden, darunter Unsicherheiten hinsichtlich der breiten Akzeptanz durch die Kunden und der für diese Produkte vorhandenen Infrastruktur. Zu diesen Risiken gehören auch Unsicherheiten hinsichtlich der Erkennung von Markttendenzen und der Erreichung von Erfolgszielen, und zwar zeitnah und zu vorgegebenen Kosten bei gleichzeitiger Erfüllung der Qualitätsstandards und regulatorischen Bestimmungen. Darüber hinaus gibt es Unsicherheiten hinsichtlich des Umfangs von Investitionen, die zur Erreichung bestimmter Entwicklungsmeilensteine erforderlich sind. So sollen beispielsweise alle Elektrofahrzeuge in Nordamerika ab 2027 den nordamerikanischen Ladestandard (North American Charging Network, NACS) verwenden.
Mit dem Wandel des Volkswagen Konzerns vom traditionellen Automobilhersteller zum Anbieter nachhaltiger Mobilitätslösungen entwickeln sich unsere Fahrzeuge von überwiegend mechanischen Systemen zu softwaredefinierten Plattformen. Sofern wir diese Softwareplattform-Konzepte nicht schnell genug einführen, könnte dies einen Nachfragerückgang nach unseren Produkten und einen rückläufigen Marktanteil zur Folge haben. Die erfolgreiche Umsetzung dieses Wandels hängt vom Aufbau starker technologischer und organisatorischer Kompetenzen und der Einstellung qualifizierter Programmierer ab, wodurch für den Volkswagen Konzern Personalrisiken entstehen können.
Wir investieren in Elektromobilität, Batterietechnologie und Digitalisierung, um unser Angebot an Elektrofahrzeugen zu erweitern. Diese Maßnahmen bergen erhebliche Risiken im Zusammenhang mit regulatorischen Unsicherheiten, staatlicher Förderung, Verbraucherakzeptanz, Ladeinfrastruktur, Investitionsbedarf, Bedrohung der Cyber-Sicherheit, Beschränkungen in der Lieferkette und der Skalierung von Produktions- und Organisationskapazitäten zur Deckung der Marktnachfrage, die wir möglicherweise nicht immer erfolgreich bewältigen können.
Auch können sich neben den globalen politischen Bedingungen und Anforderungen Tendenzen in Forschung und Entwicklung in eine unvorhergesehene Richtung entwickeln, die nicht im Einklang mit unserer Strategie stehen.
Wir sind in der Vergangenheit entscheidende Kooperationsvereinbarungen zur Forschung und Entwicklung neuer Technologien eingegangen und werden dies auch in Zukunft fortsetzen. Solche Investitionen, die erhebliche Ressourcen erfordern können, waren in der Vergangenheit nicht immer erfolgreich und könnten möglicherweise auch in Zukunft nicht erfolgreich sein. Wir können unter Umständen unsere Ziele oder die angestrebte Kapitalrendite nicht erreichen und keine Vorteile aus diesen Vereinbarungen ziehen oder davon profitieren. Unsere Wettbewerber sind möglicherweise in der Lage, bessere Lösungen zu entwickeln und die Produkte schneller, in größeren Stückzahlen, zu besserer Qualität oder geringeren Kosten zu entwickeln, mit der Folge, dass die Nachfrage nach unseren Produkten sinken und wir Marktanteile verlieren könnten.
Im Rahmen unserer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten besteht ein erhöhtes Risiko, unbeabsichtigt Patente Dritter zu verletzen, was zu Rechtsstreitigkeiten, finanziellen Haftungen oder Verzögerungen bei der Markteinführung von Produkten führen kann.
Dieses Risiko reduzieren wir, indem wir intensiv die Schutzrechte Dritter analysieren, zunehmend auch im Hinblick auf Kommunikationstechnologien.
Wir führen unter anderem Trendanalysen und Kundenbefragungen durch und überprüfen die Relevanz der Ergebnisse für unsere Kundinnen und Kunden. Dem Risiko, dass Module, Fahrzeuge oder Services – insbesondere im Hinblick auf Elektromobilität, Digitalisierung und Software – nicht im vorgesehenen Zeitrahmen, in der entsprechenden Qualität oder zu den vorgegebenen Kosten entwickelt werden können, begegnen wir, indem wir kontinuierlich und systematisch den Fortschritt sämtlicher Projekte überprüfen.
Die Ergebnisse aller Analysen gleichen wir regelmäßig mit den Zielvorgaben des jeweiligen Projekts ab; bei Abweichungen leiten wir geeignete Gegenmaßnahmen ein. Eine übergreifende Projektorganisation unterstützt die Zusammenarbeit aller am Prozess beteiligten Bereiche. So soll sichergestellt werden, dass spezifische Anforderungen zeitnah in den Entwicklungsprozess eingebracht werden und dass die Umsetzung dieser Anforderungen rechtzeitig eingeplant wird.
Risiken und Chancen aus der Modulstrategie
In der konzernweiten Fahrzeugfertigung kommen unter anderem modulare Baukästen zum Einsatz, die einen flexiblen, markenübergreifenden Einsatz ermöglichen, jedoch auch das Risiko von Produktionsstörungen erhöhen. Unsere Baukästen erweitern wir kontinuierlich und orientieren uns dabei an künftigen Kundenanforderungen, gesetzlichen Regelungen und Infrastrukturanforderungen.
Zwar werden durch den Einsatz modularer Baukästen, wie dem Modularen Querbaukasten (MQB) für verschiedene Fahrzeugklassen sowie dem Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) und der Premium Platform Electric (PPE) für den Elektroantrieb, mehr Fahrzeuge auf gleicher Basis produziert, jedoch steigt das Risiko, dass Störungen in der Lieferkette zum Beispiel durch fehlende Fahrzeugteile einen großen Teil unseres Fahrzeugangebots betreffen könnten. Des Weiteren könnten nicht erkannte Fehler, Probleme mit einzelnen Teilen oder zu langsame Reaktionszeiten nach deren Identifizierung zahlreiche Fahrzeuge unserer Marken betreffen.
Der MQB ist eine hochflexible Fahrzeugarchitektur, bei der konzeptbestimmende Abmessungen wie Radstand, Spurbreite, Rädergröße und Sitzposition konzernweit abgestimmt sind und variabel zum Einsatz kommen. Andere Abmessungen, zum Beispiel der Abstand der Pedale zur vorderen Radmitte, sind immer dieselben, sodass eine einheitliche Systematik der Frontpartie gewährleistet ist. Aufgrund der Synergieeffekte, die sich daraus ergeben, sind wir in der Lage, sowohl die Entwicklungskosten als auch den erforderlichen Einmalaufwand und die Fertigungszeiten zu reduzieren. Darüber hinaus können wir dank der Baukästen in einem Werk auf denselben Anlagen verschiedene Modelle verschiedener Marken in unterschiedlicher Stückzahl produzieren. Das bedeutet, dass wir unsere Kapazitäten im ganzen Volkswagen Konzern flexibler nutzen und dadurch Effizienzvorteile erzielen können.
Dieses Prinzip der Vereinheitlichung bei größtmöglicher Flexibilität haben wir auch auf unseren MEB und die PPE übertragen, die konzeptionell auf den reinen Elektroantrieb ausgelegt sind. Die Synergieeffekte und Effizienzvorteile der Baukastenstrategie eröffnen uns die Chance, mit den Fahrzeugen auf Basis des MEB und PPE die Elektromobilität weltweit in Serienproduktion zu bringen. Zukünftig wollen wir diese Synergieeffekte durch die Zusammenführung von MEB und PPE in der sogenannten Scalable Systems Platform (SSP) verstärken.